NZZ Online 28.07.2011
Der Schriftsteller V. S. Naipaul ist kein romantischer Mensch, der zur Verklärung neigt. In seinem Buch über Religion in Afrika greift er ein Thema auf, das ihn schon vorher – etwa in «Eine islamische Reise» oder «Jenseits des Glaubens» – fasziniert hat; neben Aussagen von Informanten und sich scheinbar leicht entfaltenden, luziden Beobachtungen in einem trockenen, angenehm zu lesenden Erzählstil lässt er auch gnadenlos scharf ausformulierte Impressionen einfliessen, die nachgerade bösartig anmuten können. Sechs afrikanische Länder – Uganda, Nigeria, Ghana, Côte d'Ivoire, Gabon und Südafrika – hat Naipaul im Blick auf die Studie bereist; im muslimischen Norden Nigerias etwa notiert er im Vorbeifahren Strassenszenen in Kano, einer alten Handelsstadt, die kulturell durch den transsaharischen Handel geprägt war: Müll fressende Ziegen neben mageren Kindern in staubigen kurzen Gewändern – «die verlässliche Folge von Vielehen und Konkubinen» – sieht er da, Pferde, die mager sind wie die Koranschüler mit ihren Bettelschalen, die auf abfallübersäten Strassen geduldig auf Almosen warten. Die Zukunftsaussichten dieser in traditionellen Medressen ausgebildeten Jugendlichen, so Naipaul, beschränkten sich darauf, das Heer derjenigen zu vergrössern, die von der Hand in den Mund leben und niedrige Arbeiten verrichten.
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